25 Jahre Prinzenallee 58 in Selbstverwaltung - Rückblick: Die Hausbesetzerbewegung in Berlin
Hoffentlich scheint am kommenden Freitag die Sonne, wie am Tag der Instandbesetzung der PA 58 vor 25 Jahren. Zum Jubiläum erwartet die Gäste im Nachbarschaftshaus in der Prinzenallee 58 ein abwechslungsreiches Programm bis in die Abendstunden: Kleinkunst, ein Kinderprogramm, Orientalischer Tanz, live Musik und Disco. Ab 14.00Uhr wird es mit Fotos und Videoaufnahmen einen Rückblick auf die ersten Jahre nach der Besetzung geben. Um 15.00 Uhr liest Ehrengast Anni Wolff (93), die aus Israel kommt, aus ihrem Buch über ihre Kindheit in der PA 58. Sie ist die Enkelin des ehemaligen Erbauers des Hauses Rudolf Gattel, der wegen seiner jüdischen Abstammung nach Theresienstadt deportiert und im Lager umgebracht wurde. Anni und ihre Schwester konnten rechtzeitig flüchten. (Foto: Anni Wolff )
"Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen".
Von Beginn an waren die Bewohner der PA 58 in Selbstverantwortung organisiert. Daran hat sich bis heute nichts geändert. 1993 gründete man eine Genossenschaft und wurde vom ehemaligen Instandbesetzer zum Hausbesitzer. Das Haus wurde gekauft, das Grundstück erhielt man in Erbpacht vom Senat. Den hatte man 1988 über den öffentlichen Druck dazu bewegt das Haus zu kaufen. Die Bewohner konnten aufatmen, denn die Gefahr einer Räumung des Hauses war damit endgültig gebannt. Besetzt hatte man das Haus im Jahr 1981 unter der Losung: "Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen".(Foto: Innenhof der PA 58 heute)
Von Beginn an waren die Bewohner der PA 58 in Selbstverantwortung organisiert. Daran hat sich bis heute nichts geändert. 1993 gründete man eine Genossenschaft und wurde vom ehemaligen Instandbesetzer zum Hausbesitzer. Das Haus wurde gekauft, das Grundstück erhielt man in Erbpacht vom Senat. Den hatte man 1988 über den öffentlichen Druck dazu bewegt das Haus zu kaufen. Die Bewohner konnten aufatmen, denn die Gefahr einer Räumung des Hauses war damit endgültig gebannt. Besetzt hatte man das Haus im Jahr 1981 unter der Losung: "Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen".(Foto: Innenhof der PA 58 heute)
Rückblick: Die Hausbesetzerbewegung in Berlin
"Rechtsfreie Räume können wir in unserer Stadt nicht dulden" so der damalige CDU-Innensenator Lummer, der für seine harte Vorgehensweise gegen die Hausbesetzer bekannt wurde. Auf dem Höhepunkt der Bewegung, im Jahr 1981, waren 169 Häuser in Berlin besetzt. Fast drei Jahre mussten diese "rechtsfreien Räume" geduldet werden, denn die Bewegung erhielt von der Berliner Bevölkerung viel Unterstützung.
"Rechtsfreie Räume können wir in unserer Stadt nicht dulden" so der damalige CDU-Innensenator Lummer, der für seine harte Vorgehensweise gegen die Hausbesetzer bekannt wurde. Auf dem Höhepunkt der Bewegung, im Jahr 1981, waren 169 Häuser in Berlin besetzt. Fast drei Jahre mussten diese "rechtsfreien Räume" geduldet werden, denn die Bewegung erhielt von der Berliner Bevölkerung viel Unterstützung.
600 Häuser standen leer und es herrschte Wohnungsnot. Die Stadtbaupolitik bevorzugte großflächig angelegte Wohnungsbausanierungsmassnahmen und förderte den Abriss von Altbauten. Hatte man ein Wohnviertel zur Sanierungserwartungsfläche ausgeschrieben, stieg, in Erwartung hoher staatlicher Zulagen, der Verkaufspreis der Häuser durch schnellen Weiterverkauf spekulierender Makler. Da entmietete Häuser besser zu verkaufen waren, weil die Mieter bei den geplanten Vorhaben "störten", tat man nichts um die Funktionen des Hauses zu erhalten und zwang damit die Menschen zum Auszug. Widerspenstige Bewohner wurden oft mit Gewalt vertrieben. Der Abriss ganzer Wohnviertel vertrieb Tausende Bewohner aus ihren gewachsenen Strukturen in die Trabantenstädte des Stadtrands. Es entstand Unmut in der Berliner Bevölkerung und so hießen sie die jugendlichen Hausbesetzer willkommen, spendeten Baumaterialien und Möbel und stellten den Besetzern, die anfangs ohne Wasser auskommen mussten, gefüllte Kanister vor die Tür.
Die Luft vibrierte vor kreativer Energie
Für die Hausbesetzer begann eine Zeit mit bunter Lust am experimentieren. Viele Häuser waren durch den langen Leerstand im verwahrlosten Zustand und wurden mit eigener Kraft instandgesetzt. Angehende Bauingenieure konstruierten bizarre Wohnlandschaften, Künstler bemalten Flure und Hauswände mit der Kunst der jungen Wilden. Fast jedes Haus hatte eine Kneipe in der die Musik der Szene lief. Ton Steine Scherben klangen mit "Keine Macht für Niemand" aus den Boxen, von den Fehlfarben hörte man: "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!" Man wohnte in großen Wohngruppen und schlief in einem Raum. Eine Waschmaschine für das ganze Haus genügte, denn oft gab es, wenn überhaupt, nur wenig Strom. Schnell entstand eine selbstverwaltete Infrastruktur der Szene: ein Frauenstadtteilzentrum, ein Bauhof für Besetzer, das Kunst- und Kulturzentrum "KuKuCK", ein Kinderbauernhof, ein Gesundheitszentrum im "Heilehaus". (Foto: Bei Instandsetzungsarbeiten in der PA 58)
Für die Hausbesetzer begann eine Zeit mit bunter Lust am experimentieren. Viele Häuser waren durch den langen Leerstand im verwahrlosten Zustand und wurden mit eigener Kraft instandgesetzt. Angehende Bauingenieure konstruierten bizarre Wohnlandschaften, Künstler bemalten Flure und Hauswände mit der Kunst der jungen Wilden. Fast jedes Haus hatte eine Kneipe in der die Musik der Szene lief. Ton Steine Scherben klangen mit "Keine Macht für Niemand" aus den Boxen, von den Fehlfarben hörte man: "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!" Man wohnte in großen Wohngruppen und schlief in einem Raum. Eine Waschmaschine für das ganze Haus genügte, denn oft gab es, wenn überhaupt, nur wenig Strom. Schnell entstand eine selbstverwaltete Infrastruktur der Szene: ein Frauenstadtteilzentrum, ein Bauhof für Besetzer, das Kunst- und Kulturzentrum "KuKuCK", ein Kinderbauernhof, ein Gesundheitszentrum im "Heilehaus". (Foto: Bei Instandsetzungsarbeiten in der PA 58)
Politische Forderungen und der Minimalkonsens
Immer wieder wurde versucht, die gemeinsamen politischen Forderungen der Bewegung festzuschreiben. Die Besetzer der ersten Häuser in Kreuzberg verhandelten mit dem Senat über legale Nutzungsrechte und über die Veränderung der Wohnungsbaupolitik. Nach einer unerwarteten Räumung eines Hauses im Dezember 1980, kommt es zu tagelangen, schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei, mit vielen Verletzten und Festnahmen. Die Verhandlungen werden daraufhin von den Besetzern abgebrochen. Die neue Forderung nach einer Amnestie für die Verhafteten, als Vorbedingung für erneute Verhandlungen, wird neben den bisher geforderten Veränderungen in der Wohnungspolitik, zum Minimalkonsens der Bewegung. Mit der sprunghaft ansteigenden Anzahl der besetzten Häuser und angesichts des unterschiedlichen Spektrums der Bestrebungen, verwässert sich dieser Minimalkonsens. Die Bewegung teilt sich in zwei Lager: Der eine Teil bezeichnet die Häuser als enteignet und sieht in der "bloßen Absicherung des Freiraums, die Aufgabe der Autonomie". "Keinen Dialog mit der Macht", lautet ihre Konsequenz. Der andere Teil der Hausbesetzer will in den Häusern wohnen und verhandelt mit dem Ziel einer vertraglichen Absicherung. (Foto: Die Hausbesetzer der PA 58 auf einer Demonstration am Kudamm)
Immer wieder wurde versucht, die gemeinsamen politischen Forderungen der Bewegung festzuschreiben. Die Besetzer der ersten Häuser in Kreuzberg verhandelten mit dem Senat über legale Nutzungsrechte und über die Veränderung der Wohnungsbaupolitik. Nach einer unerwarteten Räumung eines Hauses im Dezember 1980, kommt es zu tagelangen, schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei, mit vielen Verletzten und Festnahmen. Die Verhandlungen werden daraufhin von den Besetzern abgebrochen. Die neue Forderung nach einer Amnestie für die Verhafteten, als Vorbedingung für erneute Verhandlungen, wird neben den bisher geforderten Veränderungen in der Wohnungspolitik, zum Minimalkonsens der Bewegung. Mit der sprunghaft ansteigenden Anzahl der besetzten Häuser und angesichts des unterschiedlichen Spektrums der Bestrebungen, verwässert sich dieser Minimalkonsens. Die Bewegung teilt sich in zwei Lager: Der eine Teil bezeichnet die Häuser als enteignet und sieht in der "bloßen Absicherung des Freiraums, die Aufgabe der Autonomie". "Keinen Dialog mit der Macht", lautet ihre Konsequenz. Der andere Teil der Hausbesetzer will in den Häusern wohnen und verhandelt mit dem Ziel einer vertraglichen Absicherung. (Foto: Die Hausbesetzer der PA 58 auf einer Demonstration am Kudamm)
Eskalierende Gewalt
Die fast wöchentlichen Demonstrationen auf den Straßen Berlins, hatten manchmal eine Wucht, die in ihrer Radikalität an wütend geführte Schlachten erinnerte. Auf einer nicht genehmigten Demonstration anlässlich des Besuchs des damaligen amerikanischen Präsidenten Reagan, am 11. Juni 81,werden mehrere hundert Demonstranten auf dem Nollendorfplatz in Stacheldrahtverhauen eingekesselt. Rund um diesen Kessel explodiert die Gewalt. Polizeiführer müssen ihre verängstigten Männer zum Einsatz mit Schlagstöcken aus den Mannschaftswagen treiben. In Schönebergs Mitte sind die Straßen übersät mit Pflastersteinen und die Luft ist gefüllt mit Tränengas. Hunderte von Schaufenster gehen zu Bruch. Als Triumpf wird ein brennender Polizeimannschaftswagen gefeiert, der am nächsten Morgen als Titelfoto auf allen Tageszeitungen abgebildet ist. Die Frage "Wie viel Gewalt ist möglich?" beschäftigte eine Gesellschaft und spaltete sie. Mochte man am Anfang der Bewegung, der "jungen Wut" eine Form der Gewalt gegen Sachen noch zugestehen, um auf ein berechtigtes gesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen, fehlte nach einiger Zeit, immer mehr Menschen, angesichts der Eskalation der Gewalt das Verständnis. Geplünderte Geschäfte, zerstörte Privatautos und Zerstörungen des Wohnumfelds wurden auch in der Besetzerbewegung heftig kritisiert. Die sich ständig wiederholenden Auseinandersetzungen, die dem Zwang eines, sich mehr und mehr einzuspielenden Gewaltrituals folgen zu schienen, schreckte viele mit der Zeit ab.
Die fast wöchentlichen Demonstrationen auf den Straßen Berlins, hatten manchmal eine Wucht, die in ihrer Radikalität an wütend geführte Schlachten erinnerte. Auf einer nicht genehmigten Demonstration anlässlich des Besuchs des damaligen amerikanischen Präsidenten Reagan, am 11. Juni 81,werden mehrere hundert Demonstranten auf dem Nollendorfplatz in Stacheldrahtverhauen eingekesselt. Rund um diesen Kessel explodiert die Gewalt. Polizeiführer müssen ihre verängstigten Männer zum Einsatz mit Schlagstöcken aus den Mannschaftswagen treiben. In Schönebergs Mitte sind die Straßen übersät mit Pflastersteinen und die Luft ist gefüllt mit Tränengas. Hunderte von Schaufenster gehen zu Bruch. Als Triumpf wird ein brennender Polizeimannschaftswagen gefeiert, der am nächsten Morgen als Titelfoto auf allen Tageszeitungen abgebildet ist. Die Frage "Wie viel Gewalt ist möglich?" beschäftigte eine Gesellschaft und spaltete sie. Mochte man am Anfang der Bewegung, der "jungen Wut" eine Form der Gewalt gegen Sachen noch zugestehen, um auf ein berechtigtes gesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen, fehlte nach einiger Zeit, immer mehr Menschen, angesichts der Eskalation der Gewalt das Verständnis. Geplünderte Geschäfte, zerstörte Privatautos und Zerstörungen des Wohnumfelds wurden auch in der Besetzerbewegung heftig kritisiert. Die sich ständig wiederholenden Auseinandersetzungen, die dem Zwang eines, sich mehr und mehr einzuspielenden Gewaltrituals folgen zu schienen, schreckte viele mit der Zeit ab.
Eine charmant chaotische, hoch emotional politisch - unpolitische Bewegung hatte fast 2 Jahre lang in unterschiedlichsten Ausdrucksräumen überlebt. Nun begann ihre Dynamik langsam abzunehmen.
"Tuwat" nannte sich die letzte und größte gemeinsame Veranstaltung der Bewegung im August 1981. Man hatte Besuch aus aller Welt geladen Die Häuser waren voll und vier Wochen lang feierte man gemeinsam diese Einzigartigkeit.
Danach wurden die Verhandlungen um die legalen Nutzungsrechte an den Häusern vorangetrieben und die nicht verhandlungswilligen Häuser aber auch verhandlungsbereite Häuser schrittweise geräumt. Die Bewohner, der legaliesierten Häuser bauten in oft mehrjähriger Eigenarbeit die Häuser aus und erhielten dafür dauerhaft niedrige Mieten, oder gute Konditionen für den Kauf.
Die Politik reagierte mit einer Flut von Gesetzesänderungen, die die Rechte der Mieter stärkten. Der Abriss von Altbauten wurde gestoppt. Aus den ehemals besetzten Häusern, aber auch aus den Reihen der zahlreichen Unterstützer entwickelten sich eine große Anzahl von sozialen Projekten, die teils gefördert durch öffentliche Mittel, an der Peripherie der Gesellschaft bis heute sozial und kulturell unterstützend tätig sind.
Dank an den damaligen Mitarbeiter im Ermittlungsausschuss Benny Härlin für Informationen und Fotos. Dank auch an Barbara Müller von der PA 58 für Informationen und Archivfotos.
"Tuwat" nannte sich die letzte und größte gemeinsame Veranstaltung der Bewegung im August 1981. Man hatte Besuch aus aller Welt geladen Die Häuser waren voll und vier Wochen lang feierte man gemeinsam diese Einzigartigkeit.
Danach wurden die Verhandlungen um die legalen Nutzungsrechte an den Häusern vorangetrieben und die nicht verhandlungswilligen Häuser aber auch verhandlungsbereite Häuser schrittweise geräumt. Die Bewohner, der legaliesierten Häuser bauten in oft mehrjähriger Eigenarbeit die Häuser aus und erhielten dafür dauerhaft niedrige Mieten, oder gute Konditionen für den Kauf.
Die Politik reagierte mit einer Flut von Gesetzesänderungen, die die Rechte der Mieter stärkten. Der Abriss von Altbauten wurde gestoppt. Aus den ehemals besetzten Häusern, aber auch aus den Reihen der zahlreichen Unterstützer entwickelten sich eine große Anzahl von sozialen Projekten, die teils gefördert durch öffentliche Mittel, an der Peripherie der Gesellschaft bis heute sozial und kulturell unterstützend tätig sind.
Dank an den damaligen Mitarbeiter im Ermittlungsausschuss Benny Härlin für Informationen und Fotos. Dank auch an Barbara Müller von der PA 58 für Informationen und Archivfotos.












