Auch Engel werfen Schatten

"Bei Achim" ist nicht mehr, die Folien am Fenster des Soldiner Treff sind abgekratzt. Der "alkoholfreie Treffpunkt" in der Soldiner Strasse 32 ist zu. Gescheitert ist er aber nicht an fehlenden Finanzen.
 
Seit Anfang 2001 trafen sich hier nicht nur ehemalige Alkoholiker in Selbsthilfegruppen, hier fanden die Anwohner aus der Soldiner Straße eine Anlaufstelle für alle möglichen kleinen und größeren Probleme: Wie fülle ich die komplizierten Antragsformulare aus, wer hilft mir beim Umzug, wer macht der Oma die Fensterläden zu? Geleistet wurde die Arbeit ausschließlich ehrenamtlich, das QM übernahm lediglich die Kosten für Miete, Telefon und Internet. Getan wurde sie vor allem von einem: Achim Brunken. Der ehemalige Knacki, Obdachlose und Alkoholiker wurde deshalb von den Medien zum "Engel vom Kiez" hochstilisiert, erst kürzlich wieder vom ZDF.

Engel gibt es nicht
Aber Engel gibt es nicht, und jeder Mensch hat seine Schattenseiten. Die brachen nach einer Sitzung des Vereins Soldiner Treff e.V. am 2. Juni hervor. Achim Brunken räumte ohne Absprache den Laden leer und erklärte seinen Austritt. Zwischenzeitlich wurde auch das Eingangsschloss zerstört. Lange schwelende Konflikte im Verein waren eskaliert, persönliche Vorwürfe erhoben worden. Auf der anderen Seite standen Mitglieder der Alkoholiker-Selbsthilfegruppen. Denen ging es auch um ihre persönliche Existenz: "Wenn ich wieder anfange zu trinken, kann ich meinen Beruf als Polizist gleich an den Nagel hängen" meint der eine. "Hier treffen sich jede Woche vierzig, fünfzig ehemalige Alkoholiker, die täglich darum kämpfen, trocken zu bleiben" erklärt die andere.

Gesobau sprang ein
An akuter Finanznot lag es also nicht. Bis zum Ende des Jahres waren die Mittel des Quartiersmanagement zugesichert. Für das nächste Jahr konnte das QM allerdings noch kein grünes Licht signalisieren: Angesichts der Streitigkeiten im Verein erschien die Zukunft zu ungewiss. Hier sprang  die Wohnungsbaugesellschaft Gesobau ein und sagte monatlich 500 Euro für den Weiterbetrieb des Soldiner Treff zu. Achim Brunken renovierte daraufhin den Laden, die Nachbarn aus der Soldiner Straße unterstützten ihn dabei.
 
Verein nicht mehr in Brunkens Hand
Die Selbsthilfegruppen zogen vorübergehend in den Glaskasten in der Prinzenallee 33. Sie konnten sich eine weitere Zusammenarbeit mit Brunken nicht mehr vorstellen, der direkt über dem Laden wohnt. Der Verein Soldiner-Treff e.V. war jedoch in ihrer Hand - Achim Brunken war ja ausgetreten. Zwar unterschieben 24 Nachbarn bei Brunken Anträge auf eine Mitgliedschaft, dafür war es aber zu spät. Der Laden wurde gekündigt – seit 1. September steht er leer.

Arbeit fortsetzen
Die Selbsthilfegruppen wollen jetzt die Vereinsarbeit in einem anderen Laden fortsetzen. Auch die Nachbarschaftsarbeit soll Teil ihrer Aktivitäten sein, ein Konzept haben sie bereits entwickelt. Achim Brunken will zusammen mit Nachbarn einen neuen Verein gründen. Er sucht auch einen Laden oder ein bereits existierendes Projekt, in dem er weitermachen kann. Das wäre ja nicht die schlechteste Lösung. Aber ob es dazu kommt ist fraglich: die Streitigkeiten dauern nämlich noch an. Im Raum stehen Strafanzeigen gegen Brunken, der zwischenzeitlich in den Laden eingebrochen ist, angeblich um persönliche Gegenstände herauszuholen. Wem welche Ausstattung gehört ist fraglich: Wurden die Computer und Möbel von den Nachbarn dem Verein gespendet oder Achim Brunken überlassen? Und für wen ist das Geld der Gesobau eigentlich bestimmt? Es ist also wie bei einer Scheidung. Die kann auch lange nach der Trennung noch ziemlich viel Kraft kosten. Energie, die man eigentlich für den Neuanfang braucht.

Christof Schaffelder, Fotos: Matthias von Hoff