Bekenntnis eines Zugezogenen
Ja, ich bekenne mich: ich bin Neuzugezogener. Ausgestattet mit dem Allernotwendigsten für's Überleben (Der Autor spricht vom Survival-Paket des Quartiersmanagements, Anm.d.R.) wurde ich hinausgestoßen in die urbane Wildnis des Soldiner Kiezes. Bisher verwöhnt von den zivilisatorischen Segnungen des übersättigten Prenzlauer Bergs – so nah und doch so fern – glaubte ich mich unbekannten Gefahren ausgesetzt. Konnte man sich hier durchschlagen? Bald geriet mein Weltbild ins Wanken: Waren die mitleidigen Blicke der Bekannten und Kollegen, die von meinem neuen Wohnbezirk wussten, einem großen Missverständnis geschuldet? Redeten die Leute, wenn sie diesen Kiez vom schnellen Durchfahren zu kennen glaubten, von einem Gebiet auf einem anderen Planeten? Und: Gehörte ich jetzt zu den wenigen Privilegierten, die den Mikrokosmos mit eigenen Augen entdecken durften?
Es ist die in Berlin an sich nicht ungewöhnliche Mischung von höchster Urbanität gepaart mit einer fast schon ländlichen Ruhe. Darum fühle ich mich hier zurückversetzt in meine Kindheit, auf dem Dorf, an einem Bach. Um die Ecke kann ich plötzlich auf der Straße mediterrane Temperamentsausbrüche erleben. Irgendwie im falschen Film und doch dazugehörig: die Galerien der Kolonie Wedding. Statt eintöniger Häuserreihen ein überraschender Wechsel von Fabriken, Begräbnisstätten und Hinterhöfen. Die Bevölkerung lebt noch mit ganz eigenen Regeln und in einer gänzlich ungewöhnlichen Stadtlandschaft. Der Artenreichtum auf kleinstem Raum wirkt auf mich im ansonsten großflächigen Moloch Berlin wie eine Zuflucht. Vielleicht sollte die Kollegin, die auf der Prinzenallee aufs Gaspedal tritt, um nicht vom bösen Wolf vom Wege abgebracht zu werden, einmal hier anhalten. Sie wird sich wundern, dass sie überhaupt keine Machete brauchen wird.... War es falsch von mir, nichts zu erwarten, um dann bloß nicht negativ überrascht zu werden? Hier lebt man eben nicht einfach so, hier lebt man bewusst.
Joachim Faust wohnt seit November 2003 mit seiner Frau und seinem Sohn im Soldiner Kiez. Er ist 34 Jahre alt und arbeitet bei einem großen Sozialversicherungsträger in der Auslandsabteilung.
Es ist die in Berlin an sich nicht ungewöhnliche Mischung von höchster Urbanität gepaart mit einer fast schon ländlichen Ruhe. Darum fühle ich mich hier zurückversetzt in meine Kindheit, auf dem Dorf, an einem Bach. Um die Ecke kann ich plötzlich auf der Straße mediterrane Temperamentsausbrüche erleben. Irgendwie im falschen Film und doch dazugehörig: die Galerien der Kolonie Wedding. Statt eintöniger Häuserreihen ein überraschender Wechsel von Fabriken, Begräbnisstätten und Hinterhöfen. Die Bevölkerung lebt noch mit ganz eigenen Regeln und in einer gänzlich ungewöhnlichen Stadtlandschaft. Der Artenreichtum auf kleinstem Raum wirkt auf mich im ansonsten großflächigen Moloch Berlin wie eine Zuflucht. Vielleicht sollte die Kollegin, die auf der Prinzenallee aufs Gaspedal tritt, um nicht vom bösen Wolf vom Wege abgebracht zu werden, einmal hier anhalten. Sie wird sich wundern, dass sie überhaupt keine Machete brauchen wird.... War es falsch von mir, nichts zu erwarten, um dann bloß nicht negativ überrascht zu werden? Hier lebt man eben nicht einfach so, hier lebt man bewusst.
Joachim Faust wohnt seit November 2003 mit seiner Frau und seinem Sohn im Soldiner Kiez. Er ist 34 Jahre alt und arbeitet bei einem großen Sozialversicherungsträger in der Auslandsabteilung.






