"Bevor alles begann"

Das große Fleischermesser glänzt vom Blut. Zwei Wische – schon ist es sauber und das ehemals weiße T-Shirt von Klaus Faber hat noch mehr rote Flecken. Auf dem Kopf trägt der Weddinger Fleischer bereits die cremefarbene Wollmütze, mit der Stammgäste des Prime Time Theaters ihn erkennen– aus späteren Folgen der Theater-Sitcom "Gutes Wedding, schlechtes Wedding", als er schon Claudio Fabriggio heißt und Theaterregisseur im Prenzlberg ist. (Foto: Murat und seine langjährige Freundin Eische wachen nach einer Partynacht halbnackt gemeinsam auf. Was ist zwischen ihnen passiert?)
Der Anfang vom Anfang
Das hier ist Folge O. "Bevor alles begann" erzählt den Anfang vor dem Anfang: nach 5 Staffeln und 35 Folgen ein Rückblick. Warum verlässt der eingefleischte Weddinger Klaus Faber seine Säue im Kühlraum und seine schwangere Freundin Maria für ein Leben als Prenzlwichser? Und wie kommt Mahmud in den Knast? Folge 0 zeigt die dramatische Wandlung einer Assistentin Heidemarie Schinkel zur gefürchteten Leiterin des Arbeitsamts Wedding und lässt auch die dunkle Vergangenheit des Postboten Kalle nicht aus. (Foto: Klaus Faber, hier noch Fleischer im Wedding)
 
Über 70 Charaktere
"Bisher habe ich immer weiter gedacht, von Folge zu Folge. Jetzt ist es spannend, mal zurückzudenken", sagt Constanze Behrends, Mitbegründerin des Prime Time Theaters und Autorin jeder einzelnen Show. "Folge 0 zeigt, warum die Figuren so sind wie sie sind." Über 70 Charaktere hat sie bisher geschaffen. Dazu gehören schrullige Beamte wie Frau Schinkel, Weddinger Originale wie Kalle und junge Türken wie Murat.
"In seine Haut geschlüpft"
Als Constanze Behrends und Oliver Tautorat vor zwei Jahren noch in einem kleinen Raum in der Freienwalder Straße die erste Folge spielten, waren sie die einzigen Schauspieler. Heute umfasst das Ensemble fünf Mitarbeiter. Diese müssen vor allem improvisieren können, denn die Produktion geht schnell. Früher jede Woche, heute alle zwei Wochen schreibt Behrends ein neues Skript. Es folgt eine Leseprobe, bei der die Schauspieler ihre Rollen sprechen. Dann wird dreimal geprobt, und die Premiere steht. "Wir kennen unsere Figuren schon so gut: ihren Charakter, ihre Sprache, ihre Haltung", sagt Behrends. "Wir müssen nicht mehr so lange proben." "Ich bin in seine Haut geschlüpft", bestätigt Alex Ther, der den Dönerbudenbesitzer Onkel Ahmed spielt. (Foto: Die Kiezschlampe Sabrina macht Mahmud an.)
 Pilot für's Fernsehen
Für Zuschauer Florian Garbe war die Folge 0 "die bisher geilste Folge". "Die Situationskomik ist super, und jetzt fügt sich alles zusammen", sagt er. Die Idee für Folge 0 entstand durch eine Zusammenarbeit mit dem türkischen Fernsehsender TD1 in der Badstraße. "Zwei Redakteure waren in unserer Vorstellung und kamen danach auf uns zu", erzählt Tautorat. "Wollen wir nicht einen Pilotfilm für eine Serie machen?" Jetzt kommt die Show, die Fernsehen auf die Bühne brachte, also vielleicht selbst ins Fernsehen. Am Sonnabend, den 15. Januar, wird sie live vor Publikum im Sender aufgezeichnet. "Folge 0 gibt uns die Möglichkeit, die gesamte Bandbreite zu zeigen", sagt Behrends. Der Pilotfilm soll dann vermarktet werden. (Foto: Postbote Kalle)
Küsse sind echt
"Nahsehen statt Fernsehen" war von Anfang an die Idee der Theatermacher. Kein Zuschauer sitzt mehr als sieben Meter von der Bühne entfernt - auch nicht nach dem Umzug von der Freienwalder Straße in die jetzige, größere Spielstätte im Haus "Christiania". "Küsse sind echt", sagt Tautorat. "Tritte und Schläge auch." Der Kontakt zum Publikum ist den Schauspielern das wichtigste. Vor der Vorstellung steht Tautorat am Einlass an der Kasse. Jeder Gast wird persönlich begrüßt. Manche Zuschauer, wie Ingrid T., kommen zu jeder Folge. Sie hat zwei Freikarten vor Radio Multikulti für Folge 10 von "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" gewonnen" - und seither kein Stück verpasst. "Ich liebe den Mut der Schauspieler zur Verwandlung", sagt sie. Andrea Köpsel war schon sechs Mal im Theater; sie kommt mit ihrem Mann aus Steglitz in den Wedding. "Mir gefällt die Atmosphäre", sagt sie. "Man fühlt sich sofort Zuhause."
Von den Zuschauern lernen
Mittlerweile ist fast jede Vorstellung ausverkauft, der Pilotfilm wird gedreht, im Februar zieht das Theater um, in größere Räume auf der Müllerstraße. Steigt so viel Erfolg nicht zu Kopf? "Ich denke nicht an den Erfolg", sagt die Autorin der Stücke Behrends. "Beim Schreiben bin ich voll im Geschehen." Das einzige, was sie merkt, ist, dass sie immer besser wird. "Ich lerne von den Zuschauern, wann sie lachen und wann nicht", erzählt sie. "Wenn bei der Probe schon ein Schauspieler den Witz ncht versteht, dann ist er nicht gut." Behrends und Tautorat sehen sich nicht als Künstler. "Das ist einfach Arbeit", sagt die Autorin. "Morgens setze ich mich um neun mit meinem Kaffee an den Computer und fange an zu tippen." (Foto: Der Schein trügt: Eische und Sabrina mögen sich gar nicht)
 
Stories ohne Ende
Der Vertrag für die neuen Räume in der Müllerstraße gilt vorerst für fünf Jahre. "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" soll dort natürlich weiter gehen. Ihre Stories findet Behrends vor der Tür im Kiez. Sie werden ihr nicht ausgehen. "Der Wedding hat viele Geschichten. Hier brodelt das Leben", sagt sie. "Mit seinen guten und seinen schlechten Seiten."
 
"Gutes Wedding, schlechtes Wedding"
Folge 0: "Bevor alles begann"
Termine: 13.,14.,16.,17.,20.,21.,23.,24.,27.,28.,30.,31. Januar
zur Prime Time um 20:15 Uhr
Osloer Str. 16/17
13359 Berlin
www.primetimetheater.de
 
Karten: 4990 7958
Eintritt: 7 Euro/ ermäßigt 5 Euro
Dienstag ist Theatertag, alle Karten 5 Euro


Katrin Arnholz, Fotos: Matthias von Hoff