Geschichte des Soldiner Kiezes

Geschichte und Sehenswürdigkeiten

Seit der Berliner Bezirksreform, die die ehemaligen Bezirke Tiergarten, Mitte und Wedding zum Hauptstadtbezirk Mitte vereint hat, gibt es den Bezirk Wedding nicht mehr. Er ist in die beiden Stadtteile Wedding und Gesundbrunnen des neuen Großbezirkes aufgegangen. Der Name Gesundbrunnen bekam damit eine unerwartete Renaissance, wenngleich er noch nicht in den Köpfen seiner Bewohner verankert ist. Das war nicht immer so und historisch hat eher der Gesundbrunnen die größere Bedeutung.
 
Das Dorf Wedding existierte ca. seit 1220 in der Nähe des heutigen Nettelbeckplatzes, das aber nach nur 30 Jahren wieder aufgegeben wurde. Nur sein Name blieb über die Jahrhunderte erhalten und bezeichnete das Gut und die umliegende Feldflur. Nach der Bildung von Groß-Berlin 1920 wurde der neue Bezirk schließlich Wedding genannt, der auch den Gesundbrunnen umfaßte.


Der Stadtteil Gesundbrunnen, zu dem auch der Soldiner Kiez gehört, entwickelte sich hingegen um die heilende Quelle, die unter dem heutigen Haus Badstraße/ Ecke Travemünder Straße angeblich 1735 (unter legendendären Umständen) gefunden wurde. Ende des 18. Jahrhunderts errichtete man erste Gartenanlagen zur Nutzung der Quelle, es entstanden erste Häuser und Villen. 1835 baute man nach Entwürfen von C.F. Schinkel die Paulskirche am jetzigen U-Bhf. Pankstraße und lange war der Gesundbrunnen als Ausflugsort und Vergnügungsviertel für die Berliner ein Begriff, wurde dann immer mehr zum Arbeiterbezirk – zum Teil des legendären "Roten Wedding".

Die Besiedlung des Geländes um die heutige Soldiner Straße begann ab 1782 unter Friedrich dem Großen durch die Kolonisation von Siedlern an der Koloniestraße, die daher seit 1800 ihren Namen trägt. Benannt als "Kolonie hinter dem Gesundbrunnen" oder "Colonie am Louisenbad" waren die 12 Siedler aus Süddeutschland, Böhmen und der Schweiz u.a. angehalten, die Versorgung Berlins mit Lebensmitteln zu verbessern. Ebenfalls in diesen Jahren wurde die "Kolonie am Wedding" um die heutige Reinickendorfer Straße gegründet. Nur eines dieser einst vielen Kolonistenhäuser hat bis heute überdauert und erinnert eher an ein Brandenburger Dorfhaus als an die Großstadt Berlin. Es steht in der Koloniestraße 57 und ist heute denkmalgeschützt, es wurde 1783 errichtet und ist damit das älteste Wohnhaus im Wedding und Gesundbrunnen. Später bewohnten es Weißgerber und um 1868 nutzte man es als Leimsiederei. Hundert Jahre nach Errichtung des Hauses erfolgte ein Anbau in der Flucht der nun verbreiterten und gepflasterten Straße.
Lange hat diese ländliche Bebauung die Straßen geprägt. Mit der Zeit erweiterte man die Gebäude und fügte neue hinzu. Zu einem richtigen Bauboom kam es zur klassischen Gründerzeit in den Jahren 1872 bis 1876. In dieser Zeit entstanden die kleinen architektonischen Besonderheiten des Gebietes: die Biesentaler Straße war die erste Straße im Gebiet, die einheitlich und im typisch Berliner Mietshausstil bebaut wurde. Alte Karten zeigen sie als einzig bebaute Straße in der sonst noch weitestgehend leeren Flur. Damit ist die Straße etwas Besonderes in dieser Stadt, von der immerhin sieben Häuser unter Denkmalschutz stehen. Ebenfalls in dieser Zeit entstanden die kleinen Mietshäuser in der Koloniestraße 116 oder 142 bzw. die Villa Römer in der Wollankstraße 61d.

Ein gutes Jahrzehnt später läßt sich ein weiterer Aufschwung des Gebietes verzeichnen. Er wird vor allem vom Fabrikbau getragen, wovon die wichtigsten genannt seien: die Gattelsche Hutfabrik in der Prinzenallee 58, die Rollersche Zündholzmaschinenfabrik in der Osloer 12 (beide ab 1890) oder in unmittelbarer Nachbarschaft des Kiezes die Arnheimsche Tresorfabrik in der Osloer Straße 102 (ab 1891-92). In unmittelbarer Nachbarschaft dazu entstanden die Fabrikantenvillen, die das Gebiet noch heute prägen: Bei Gattels entstand das Wohnhaus als Vorderhaus der Prinzenallee 58, die Rollers ließen ihr Wohnhaus in der Prinzenallee 24 erbauen, eine andere Villa, bereits 1881-83 in der Wriezener Straße 10-11 entstanden und heute vorbildlich wieder hergerichtet, ist das Haus Schott oder auch Fuhrmannsche Villa genannt. In den nicht mehr vorhandenen Fabrikgebäuden wurden in der langen Fabrikgeschichte verschiedene Dinge hergestellt, darunter anfänglich Zinn aber auch Sirup für die Berliner Weiße mit Schuß.


Mit den Fabriken und Mietshäusern stieg die Einwohnerzahl und folglich wurden immer mehr öffentliche Gebäude gebraucht. Die erste Schule war die heutige Wilhelm-Hauff-Grundschule in der Gotenburger Straße 6/12, errichtet 1895-97 nach Plänen von Hermann Blankenstein. 1902 bis 1904 baute man in der Prinzenallee 39, Ecke Soldiner Straße die neugotische evangelische Pfarrkirche St. Stephanus als Ergänzung für die längst zu eng gewordene St. Paulskirche in der Badstraße. Kurz vor dem ersten Weltkrieg entstanden zwei weitere wichtige Schulbauten, die heutige Carl-Kraemer-Grundschule in der Zechliner Straße und die heutige Schwartzkopff-Schule in der Gotenburger Straße. Sie wurden zusammen mit der Feuerwache (1912-13) in der Stockholmer Straße 4 vom damaligen Baustadtdirektor Ludwig Hoffman entworfen, der mit seinen hunderten Bauten wie kein anderer Berlin geprägt hat.

Von ganz anderer Öffentlichkeit waren die Rummel und Vergnügungslokale, die besonders die damalige Badstraße prägten, aber ihre Lokalitäten auch in der Prinzenallee hatten. Als einzige dieser Stätten hat ausgerechnet hier eine die Zeiten überlebt: der Glaskasten in der Prinzenallee 33, heute grundlegend saniert und wieder dem Vergnügen geöffnet. Zwischen 1903-07 wurde als Ergänzung zum bereits vorhandenen Restaurant der sogenannte "Schmidt´sche Ballsaal" für mehr als 300 Personen errichtet, der bald zu einer festen kulturellen Institution im Wedding wurde. Neben dem Speisebetrieb existieren nun eine Kegelbahn im Untergeschoß und der Festsaal für verschiedene Veranstaltungen.
Gleich gegenüber vom Glaskasten gab es lange Zeit ein Freifläche an der Soldiner Straße zwischen Prinzenallee und Panke, die zumindest nachweislich zwischen 1918 und 1921 ein großer Rummelplatz war. Er war in dieser Zeit einer von 40 solcher Plätze Berlins, wo es neben einem Radfahrer- und einem Bodenkarussell, mehreren Schau- und Schießbuden auch eine Gänseverlosung und "Deutschlands größte Radbude" gab.

Der Wedding und mit ihm der Soldiner Kiez war aber bei weitem nicht nur vergnüglich. Die existierenden Fabriken expandierten, neue kamen hinzu (1917-18 entstanden in der Verlängerten Koloniestraße 7-12 eine Konserven- und Dörrgemüsefabrik und weitere Fabriken in der Kühnemannstraße; AEG Hydra, Drontheimer Straße – heute Domäne – und die Groterjanbrauerei, Prinzenallee 78-80 wurden 1928-29 erweitert bzw. erbaut). Die mittlerweile entstandenen Mietshäuser mit ihren vielen Hinterhöfen waren dichtest besiedelter Wohnort für Arbeiter, die in diesen Fabriken ihr Brot verdienten. Und dies war oft nicht viel – die Lebensbedingungen besonders in den Jahren der Wirtschaftskrise waren fatal: "Zwischen schwarzen Brandmauern und schmalen, tiefen Höfen, floß trübe und schmutzig die Panke vorbei. In den Abwässern der Fabriken – im Sommer badeten die Kinder darin – konnten sich nicht einmal die Sterne (...) spiegeln. In den engen Stuben umspülte die stickige, verbrauchte Luft vieler Menschen in einem Raum die Gesichter der Schlafenden. Treppen, Flure, Stuben, Quer- und Hinterhäuser, das war alles unerträglich dicht zusammen. Kaum Wände und Luft dazwischen. Einer spürte den schweren, unruhigen Atem des anderen. Der Geruch der Menschen drang durch die Wände, Spalten und Verschläge. Mieter, Untermieter, Schlafburschen und der Fluch dieser Gasse – die Kinder, von denen es kaum eins gab, das in einem eigenen Bett schlafen konnte. (...) Auf den Treppenabsätzen kauerten in sich zusammengekrochene Menschenbündel" (aus: Klaus Neukrantz: Barrikaden am Wedding", Berlin 1931). Diese Not brachte die Politisierung der Bevölkerung mit sich, viele Menschen wollten gesellschaftliche Veränderungen, 1928 wurde die KPD stärkste Partei im Wedding. Es entstand der Nimbus des "Roten Wedding", ein Ruf, wovon er noch heute zehrt.

Die Enge und Unerträglichkeit der Wohnungen ließ bereits um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert erste Alternativen zu den Mietskasernen entstehen. Ab 1905/ 06 entstanden in zwei Abschnitten die genossenschaftlichen Posadowsky-Häuser in der Wollankstraße 75-83B, die auf Seitenflügel und Hinterhöfe verzichteten und zu deren Wohnungsstandard bereits sanitäre Einrichtungen, Gas- und Stromanschluß sowie Balkone gehörten.
Besonders in den 20er Jahre entstanden im Wedding und auch im Soldiner Kiez wichtige Anlagen des sozialen Wohnungsbaus. Eine von diesen bringt sogar von Zeit zu Zeit Architekturtouristen aus der ganzen Welt ins Quartier – die ziegelfarbenen Häuser an Stockholmer-, Gotenburger Straße und Prinzenallee des besonders als Architekturtheoretiker bekannten Hugo Häring, erbaut 1926. Dieser Block hat aber noch mehr zu bieten als nur diese Gebäude – auch die Post und die angrenzenden Wohngebäude stammen von einem bedeutenden Architekten der 20er Jahre, dem heute vergessenen Regierungsbaumeister Bruno Ahrends (1878-1948), dessen bekanntestes Werk neben vielen anderen in dieser Stadt die reformerische "Weiße Siedlung" in Reinickendorf ist. Er wurde wegen seiner jüdischen Herkunft in der Nazizeit in die Emigration gedrängt.

Neben der Wohnanlage Osloer Straße 94-98, errichtet von 1927-28 von Mebes & Emmerich ist besonders die etwas verstecktere Anlage "Brunnenhof" um die Zechliner, Heubuder und Fordoner Straße erwähnenswert. Sie wurde zwischen 1925 und 1930 im Stil der Neuen Sachlichkeit von Rudolf Maté errichtet und umschließt den 2001-02 vom Quartiersmanagement neu gestalteten Fordoner Platz. Fordon ist übrigens eine Stadt im heutigen östlichen Polen mit dem Namen Chatmno, Heubuden ein Stadtteil von Danzig (heute Stogi) und Zechlin ein kleiner Ort in Brandenburg.
 
Aus der Nazizeit wäre mehr zu erzählen als es eine so kurze Geschichte zuläßt. Schon 1933 wurde der Glaskasten von der SA gestürmt und aus der einstigen kulturellen Institution für die Arbeiter wurde ein Sturmlokal der SA. Die Kegelbahn im Untergeschoß diente ihr als Folterkeller für politische Gegner, 1945 wird das Vorderhaus mit vielen anderen Gebäuden des Stadtteils unwiederbringlich zerstört. Die Familie Gattel der ehemaligen Hutfabrik in der Prinzenallee 58 wurde ins KZ deportiert und umgebracht, in der Fabrik Osloer Straße wurden Zwangsarbeiter zur Herstellung von Maschinen für die Produktion von Granathülsen eingesetzt, in der Wriezener Straße versteckte eine Frau einen jüdischen Berliner und rettete ihn somit vor dem Tod. Eine administrative Veränderung fällt auch in diese Zeit – 1938 wurde das Gebiet der Wollankstraße und seiner angrenzenden Straßen zum Wedding geschlagen, vorher gehörte es zum Stadtbezirk Pankow.
 

Ein weiteres Resultat dieser Zeit war die Teilung der Stadt nach 1945. Die Grenze zwischen sowjetischen und französischen Sektor verlief hinter der S-Bahn. Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 wurde schließlich aus der Wollankstraße eine Sackgasse. In den 70er und 80er Jahre entstanden viele Neubauten im Rahmen des Sozialen Wohnungsbaus in der Wollankstraße und Soldiner Straße. Es sollten noch mehr werden, aber die Besetzung z.B. der Prinzenallee 58 und der Fabrik Osloer Straße um 1980 konnte dies glücklicherweise verhindern. Später in den 80er Jahren setzte ein Umdenken ein und die sogenannte behutsame Stadterneuerung begann mit der Sanierung der Gründerzeithäuser, in manchen Fällen wurden einige dunkle Hinterhäuser zugunsten von grünen Hinterhöfen entkernt (z.B. Block Biesentaler-/ Wriezener Straße/ Prinzenallee). Nach dem Fall der Mauer 1989 erwachte der Soldiner Kiez wieder aus seinem Dornröschenschlaf und wurde sicher zum Leidwesen vieler Anwohner, die sich an die Ruhe gewöhnt haben, wieder zu einem wichtigen Durchgangsgebiet für den innerstädtischen Verkehr zwischen dem Osten und Westen Berlins.