In beiden Kulturen hartnäckig

Über die Chancenlosigkeit junger Migranten aus sozial benachteiligten Quartieren war in letzter Zeit viel die Rede. Das es auch anders geht, zeigt die 32-jährige Serpil Kücük: Sie ist als "Gastarbeiter"-Kind im Soldiner Kiez aufgewachsen, heute studiert sie Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin und mischt sich  im lokalen Umfeld ein. Im vergangenen Jahr ist sie in die SPD eingetreten, jetzt wird sie auch im neuen Quartiersrat aktiv und beteiligt sich an der Quartiersentwicklung. Warum sie, anders als die meisten, die in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen sind, perfekt Deutsch und Türkisch spricht, warum sie es geschafft hat, in beiden Kulturen gleichermaßen heimisch zu sein? "Ich hatte einfach Glück." (Foto: Serpil Kücük bei der Quartiersratswahl im Oktober 2006)

Denn als sie mit sechs Jahren mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in Berlin ankam – "es war der 8. Dezember 1979", erinnert sie sich noch genau – war ihre Bildungskarriere fast schon besiegelt. Sie konnte kein Wort Deutsch und wurde mit anderen "Gastarbeiter"-Kindern in eine so genannte Eingliederungsklasse gesteckt. "Dort sprachen alle nur türkisch und hatten auch keine Chance, ordentliches Deutsch zu lernen", erzählt sie. Nur weil die Familie bald umzog und Serpil Kücük an der Andersen-Grundschule in eine normale Klasse kam, wurde ihr diese Möglichkeit geboten. "Die anderen aus der Eingliederungsklasse haben es alle nur bis zur Hauptschule geschafft. Für mich war das damals natürlich schwer, aber eine deutsche Oma aus der Nachbarschaft half mir sehr, und irgendwann fand ich auch eine deutsche Freundin." Später, in der Realschule, motivierte sie ein Lehrer dazu, ihren ersten richtigen Roman zu lesen: "Das Parfüm" von Patrick Süskind. "Seitdem lese ich mit Begeisterung und viel. Meine Mutter meinte immer, so viele Bücher zu besitzen sei Geldverschwendung, man könne sie doch in der Bibliothek leihen. Sie kann das nicht verstehen." Die Familie kommt aus einer ländlichen Gegend in Anatolien, der Vater hatte lediglich die Grundlagen des Lesens und Schreibens gelernt, bevor er als Gastarbeiter nach Deutschland ging.
Das Abitur machte Serpil Kücük in türkischer Sprache, nach Vorbereitungskursen in der Volkshochschule. Darauf ist sie besonders stolz. "Das türkische Abitur ist ein Zentralabitur mit Prüfungsfragen im Multiple-Choice-Verfahren. Auch in der Türkei fallen regelmäßig mehr als die Hälfte der Bewerber durch. Obwohl ich natürlich Schwächen in Türkisch hatte, habe ich es geschafft." In Kreuzberg engagierte sie sich dann in einer türkischsprachigen Theatergruppe und bei einer türkischsprachigen Kulturzeitschrift: "Kreuzberg ist eben das kulturelle Zentrum der Türkeistämmigen in Berlin". Gewohnt hat sie aber, bis auf kurze Unterbrechungen in Westdeutschland, immer bei ihrer Familie im Soldiner Kiez. "Das ist mein Kiez, hier kenne ich die Leute, hier fühle ich mich geborgen." Der Kiez sei inzwischen viel sicherer geworden: "Früher, zu Beginn der 90er Jahre, gab es hier richtige Schießereien", erzählt sie, "es gab organisierte Jugendbanden, die in die Kriminalität abgerutscht sind. Viele ihrer Mitglieder sind inzwischen im Knast gelandet, abgeschoben worden oder an einer Überdosis Drogen gestorben. Andere haben jetzt Familie und sind ruhiger geworden. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Obwohl ich mich nie unsicher gefühlt habe, auch wenn ich nachts um drei mit dem Nachtbus aus Kreuzberg nach Hause kam. Wir kannten uns ja alle." (Foto: Serpil Kücük (Mitte) nach der Quartiersratswahl)
 
Besonders dankbar ist Serpil Kücük ihrer Familie, von der sie stets Unterstützung erfuhr. "Mit dreißig als Frau noch ein Studium anzufangen, ist bei uns ja schon ziemlich ungewöhnlich", lacht sie, "normalerweise ist man dann verheiratet und hat Kinder. Aber in unserer Familie gibt es viele starke Frauen, außerdem denken wir eher linksliberal und politisch." Als Serpil Kücük sich im letzen Jahr entschloss, in die SPD einzutreten, stieß das zunächst auf Verwunderung. "Inzwischen sind sie aber alle neugierig geworden und fragen interessiert nach." Serpil Kücük wünscht sich mehr Migranten in ihrer Ortsgruppe. "Aber auch in den anderen Parteien gibt es noch viel zu wenige. Zu tun gibt es wirklich genug. Die Integrationspolitik steht bei uns doch noch ganz am Anfang und auch bei der Bildung muss noch viel mehr passieren. Wieso gibt es denn so wenige Migranten mit Abitur?" Sie ist bereit, auch den langen Weg über die Gremienarbeit zu gehen. "Hartnäckig genug bin ich, das habe ich schon oft genug bewiesen."

cs, Fotos: SK, MvH