Kiezläufer in der Sackgasse?

Es ist Herbst geworden im Soldiner Kiez. Den Kiezläufern Peter Manasse und Werner Blesing schlägt aber nicht nur auf der Straße kalter Wind ins Gesicht. "Kurz nach den Sommerferien hab– ich erfahren, dass ich ab 1. Januar nicht mehr gebraucht werde," sagt Peter Manasse. Er ist enttäuscht und wütend. "Für Denkmäler und Springbrunnen, die nicht einmal in Betrieb genommen werden, gibt es Geld, aber nicht für die Fortsetzung der Arbeit, die den Ruf unseres Viertels dauerhaft aufgewertet hat," fügt er hinzu. Sein Kollege Werner Blesing versteht die Welt nicht mehr: "Wir sind für den Kiez das Gesicht, das hier für Ruhe und Ordnung sorgt." (Foto: Die beiden Kiezläufer)
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Zwar läuft die momentane Finanzierung seiner Stelle über das Arbeitsamt erst im nächsten Sommer aus, eine Fortsetzung seiner Arbeit als Kiezläufer kann er sich ohne Peter Manasse allerdings nicht vorstellen. "Peter und ich," sagt er, "das ist wie Dick und Doof. Uns kannste nicht trennen." Manasse wird seit mehreren Jahren aus dem Programm "Soziale Stadt" finanziert, was aber maximal drei Jahre möglich ist.

Man hat sie "Asphalt-Sheriffs" genannt (ZDF-Chefreporter Olaf Buhl), "Kiez-Hausmeister" und selbst der Kolumnist Axel Hacke aus dem fernen München "mag die beiden wirklich gern". "Wir wollen doch den Verdienst der beiden um den Kiez überhaupt nicht schmälern," wendet Reinhard Fischer ein. Nur gibt es keine Mittel, die dem Quartiersmanager zur Verfügung stehen, um Peter Manasse weiterhin beschäftigen zu können. (Foto: Peter Manasse)


Konfliktreiches Umfeld
Unser Kiez: Jeder Vierte ist arbeitslos, jeder Fünfte lebt von der Sozialhilfe, und Migranten machen 40 Prozent der Bevölkerung aus. Kaum einer kennt den Kiez so gut wie die beiden Kiezläufer. Peter Manasse lebt seit 25 Jahren im Wedding, Werner Blesing seit 58 Jahren. Die zwei kennen Jeden und Alles in ihrem Bezirk, die "Abzocker von Staatsknete" wie die beiden sie nennen, aber auch die Vielen, die mit der Sozialhilfe kaum über die Runden kommen. Die Spannungen zwischen Deutschen und Migranten und die Kinder, deren Leben in Armut beginnt. In den fünf Jahren ihrer Arbeit hat sich vieles verbessert. Die Bevölkerung weiß, dass man sich immer an sie wenden kann. Illegalen Sperrmüll melden die beiden prompt der Stadtreinigung, die ihn in der Regel binnen 24 Stunden abholt, Überfälle auf Grundschüler hat es schon länger nicht mehr gegeben. (Foto: Hinterhof in der Soldiner Straße)

Wie alles begann
Fünf Jahre ist es her, dass im Quartiersmanagementgebiet Soldiner Straße der Quartiersfonds aufgelegt wurde. Eine Bürgerjury entschied über die Vergabe von einer Million DM an Projekte aus dem Gebiet. Mit Unterstützung des Quartiersmanagements bewarben sich Manasse und Blesing als Kiezläufer. Die Aufgabenstellung entwickelten sie selbst, ein neues Berufsbild war geboren.


Sperrmüllpolizei
Die Kiezläufer geben sich nicht damit zufrieden, einfach nur eine Liste von Sperrmüllfunden abzuliefern. Sie versuchen auch herauszubekommen, wo der Müll herkommt, den mancher Bürger auf die Straße stellt. "Das glaubt man gar nicht, wie einfach die es einem machen. Alte Briefe mit Adressangabe im Müll oder einmal sogar die Lieferadresse von Möbel-Höffner noch auf der Rückseite des Wandschranks," erzählt Werner Blesing. Ist der Übeltäter einmal ermittelt, so wird er besucht. Und dann ist der Müll immer ganz schnell weg. (Foto: Aus dem ZDF-Dokumentarfilm "Asphalt-Sheriffs auf Streife")

Sie sprechen dieselbe Sprache
Dabei ist noch nicht einmal die Drohung mit der Behörde das Geheimnis ihres Erfolges. "Das kommt im Jahr vielleicht drei-, viermal vor." Entscheidend ist, dass sie mit den Leuten sprechen – und dass sie als alte Weddinger genau wissen, wie. "Es war unter den Kids hier mal eine Mode, Flachmänner auf die Straße zu knallen und zersplittern zu lassen" erzählt Peter Manasse. "Wir haben uns einen gegriffen und vor der Gruppe bloßgestellt. Das hat gewirkt."

Und jetzt?
Offensichtlich nicht genug. Im letzten Quartiersrat fand sich jedenfalls keine Mehrheit für ein neues Kiez-Hausmeister-Projekt von Manasse und Blesing. "Wir haben zwar lange und kontrovers darüber diskutiert," meint ein
Mitglied des Bürgergremiums, "die hemdsärmeligen Methoden der beiden haben ihnen aber nicht nur Freunde geschaffen." Quartiersmanager Reinhard Fischer fügt hinzu, der Quartiersrat habe auf Grund des dramatisch gekürzten Budgets die Grundsatzentscheidung getroffen, keine weiteren Mittel aus dem Programm Soziale Stadt für Beschäftigungsmaßnahmen zur Verfügung zu stellen. Auch in anderen Quartiersmanagementgebieten werden Kiezläufer ausschließlich über Beschäftigungsförderungsmitteln finanziert. Für Peter Manasse sind diese Mittel derzeit ausgeschöpft. (Foto: Quartiersmanager Reinhard Fischer)

Rückhalt im Kiez
Zwar haben die Kiezläufer unter den Bürgern mittlerweile mehr als 3000 Unterschriften gesammelt. In vielen Geschäften liegen Unterschriftenlisten aus, und Unterstützer haben Zeitungsartikel über die beiden in ihre Fenster gehängt. Doch was versprechen sich Peter Manassae und Werner Blesing davon? "Wir kämpfen weiter, und wir werden die Unterschriften zum richtigen Zeitpunkt an die richtige Stelle geben," sagen die beiden Kiezläufer, Vorreiter für andere Berliner Kieze und die ersten überhaupt in ganz Deutschland.

"Die Unterstützung im Kiez ist ja gut und schön," findet Reinhard Fischer. "Trotzdem hat sich bis heute niemand beim QM gemeldet, der sich zu einer finanziellen Unterstützung der beiden bereit erklärt hat." Auch die Berichterstattung in den Medien findet er unangemessen. "Niemand zweifelt am guten Einfluß der Kiezläufer, wer aber die Kosten dafür tragen soll, darüber schweigt sich auch die Presse aus."


Berliner des Tages
Manesse und Blesing geben sich weiterhin kämpferisch. Gerade ist Peter Manesse beim Berliner Rundfunk als "Berliner des Tages" vorgeschlagen worden. "Du wirst schon sehen," sagt er beim Abschied, "am 1. Januar werden wir hier immer noch unseren Rundgang machen." (Foto: Peter Manesse beim Rundgang auf der Koloniestraße)

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Sonya Kraus, Fotografie: Matthias von Hoff