Koranschulen in Diskussion

Nach Schätzungen des Quartiersmanagements sind rund ein Drittel der Bewohner des Soldiner Kiez Muslime, unter den Schülern sogar die Hälfte. Wiederum ein Drittel von ihnen - grob geschätzt - besuchen den islamischen Religionsunterricht der Moscheevereine. Die sieben Koranschulen im Kiez erreichen also mehr Kinder und Jugendliche als die Jugendfreizeiteinrichtungen des Bezirks. Grund genug für das Quartiersmanagement, Vertreter dieser Vereine einzuladen, um ins Gespräch zu kommen. Am 8. September stellten sich vier Vereine im Glaskasten vor.
 
(Foto: Auch in der Haci Bayram Moschee werden Korankurse angeboten.)

Koran lesen, nicht interpretieren
Der islamische Religionsunterricht unterscheidet sich deutlich. So spielt er im Bildungs- Kultur- und Sozialverein in der Koloniestraße 30 nur eine nebengeordnete Rolle. Erst auf Drängen der Eltern wurden in dem arabischen Verein Korankurse eingerichtet. Die Lehrer wurden sorgfältig ausgesucht, um Radikale auszuschließen. Der Koran wird nur gelesen, nicht interpretiert, wie Tuncay Aldemir sagte: "Das überlassen wir den Eltern".
Werte vermitteln
Ganz anders verläuft der Unterricht im Islamischen Zentrum für Dialog und Bildung in der Drontheimer Straße 32a. Die Suren werden hier nicht nur gelesen und gesprochen, sie werden auch inhaltlich besprochen. Es wird versucht, Werte zu vermitteln, wie die einzige Frau auf dem Podium, Ghada Kayed, erklärte. Etwa 500 Kinder und Jugendliche aus ganz Berlin würden so erreicht.
 
Foto von links: Ghada Kayed (Islamisches Zentrum für Dialog und Bildung), Khalid Erich Guist (Bilal Moschee), Reinhard Fischer (Quartiersmanagement Soldiner Straße), Tuncay Aldemir (Bildungs-, Kultur- und Sozialverein)
 
Starke Identität
Rund 190 türkischsprachige Kinder besuchten im vergangenen Jahr den Religionsunterricht in der Haci Bayram Moschee in der Koloniestraße 128. Sie gehört zur Islamischen Förderation, die auch islamischen Religionsunterricht an Grundschulen anbietet. Yasar Vural vom Vorstand der Haci-Bayram Moschee bot an, die Lehrpläne an die Schulen im Kiez weiterzureichen. "Eine lebendige Beziehung zum Glauben stärkt die Identität der Kinder", sagte er, "und erleichtert ihnen damit auch den Umgang mit anderen Religionen."
 
Islam in der Schule
Für den Deutschsprachigen Muslimkreis der Bilal Moschee in der Drontheimer Straße 16 sprach Khalid Erich Guist. Der zum Islam konvertierte Lehrer an einer Gesamtschule verteidigte die islamische Position vor allem im Bereich der Schule: Auch nicht-muslimische Mädchen gingen in der Pubertät nur ungern gemeinsam mit den Jungs zum Sportunterricht. Und auf Klassenfahrten könne er als Lehrer nie grundsätzlich ausschließen, dass ein Mädchen schwanger werde: "Das Risiko besteht." Die Eltern müssten nach ihren moralischen Grundsätzen entscheiden, ob sie es eingehen wollen oder nicht.
 
Widerspruch im Publikum
Natürlich gab es Widerspruch im Publikum. "Denken Sie daran, dass ihre Töchter später mal selbstständig in der Welt stehen werden", entgegnete ein Grundschullehrer der Wilhelm-Hauff-Schule. "Bei Klassenfahrten lässt sich das in einem geschützten Umfeld schon mal üben." Es entspann sich eine lebhafte Diskussion, in deren Verlauf auch tiefer liegende Probleme zum Vorschein kamen. Von Siebenjährigen wurde berichtet, die vorgeben, die Deutschen und die Christen zu hassen.
 
Anpassung mit allen Mitteln
Aus den vorgestellten Koranschulen speist sich dieser Hass jedoch nicht. Im Gegenteil, so beteuerten deren Vertreter, werde hier Toleranz in den Vordergrund gestellt. Es sind vielmehr die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die den Nährboden abgeben: Dauerarbeitslosigkeit und Ausgrenzung, der oft subtile Zwang zur Assimilation, zur Anpassung an die Deutschen unter Aufgabe der eigenen Identität. "Mein Vater kam Anfang der 70er als Gastarbeiter nach Berlin, ich kam vor 25 Jahren", erzählte Yasar Vural. "Ich habe hier Abitur gemacht und studiert. Ich arbeite seit 15 Jahren als Ingenieur. Mein Vater hat mehr deutsche Freunde gefunden als ich. Das ist inzwischen viel schwieriger geworden."

Tag der Offenen Moschee
Wer mehr wissen will: Am 3. Oktober ist Tag der Offenen Moschee. Alle Berliner Moscheen öffnen ihre Türen und stellen sich vor.
cs, Fotos: Heiko Schwientek, MvH