Kunstraum "Sumpfhahn" in der Koloniestraße 38 gelandet

Nach langjähriger Deutschlandabstinenz sind die beiden Aktionskünstler Karin und Michael Pinter-Koschel nun im Wedding gelandet. Sie betreiben den Kunstraum "Sumpfhahn" in der Koloniestraße 38 und feierten am 25. August mit der Vernissage der holländischen Künstlerin Ans van der Vleuten "opening expo", den Beginn der Zusammenarbeit mit der Kolonie Wedding. Michael Pinter-Koschel wohnte schon 1999 zwei Jahre im Bezirk Friedrichshain, in einem besetzten Haus. Doch - "nichts ist übrig geblieben von dem, was ich damals gemeint habe", sagt er. Die Szene sei verschwunden, er wisse nicht wohin. Auf den Wedding freue er sich. Ganz besonders auf die großen Werbeplakatflächen. (Foto: Michael Piinter-Koschel bei der Vernissage)


Erste Straßenperformance in der Koloniestraße
Michael Pinter-Koschel stellt sich das erste Mal im Juli mit einer Kunstaktion im öffentlichen Raum vor. Er mag hell erleuchtete Plakatflächen. In der Koloniestraße gibt es einige davon. "Gib Aids keine Chance" und "machsmit.de" steht auf einem. Man sieht Fotos von Obst und Gemüse, das mit Kondomen überzogen ist. Als er mit einem Pinsel in der Hand vor dem Plakat steht, auf dem eine ehemals rote Karotte grün leuchtet, springen plötzlich Zivilpolizisten aus ihrem Fahrzeug, fordern Verstärkung an und überprüfen ihn. "Sie waren sehr schockiert darüber, dass ich hier im Kiez lebe und kein Vorstrafenregister habe", sagt Michael. Auf sein Drängen hin sei er zur Personalienüberprüfung in Handschellen abgeführt worden. (Foto: Eingang zum Kunstraum "Sumpfhahn")


Auseinandersetzung mit den lokalen Gegebenheiten
In "ständiger Auseinandersetzung mit den lokalen Gegebenheiten und Einflüssen von Außen" sehen Michael und Karin Pinter-Koschel eine Chance, die sonst "singuläre Arbeit eines Künstlers" zu einer "quasi im Kollektiv" entstandenen Kunst zu erweitern. Um diesen Prozess auszulösen, provozieren sie Interaktionen, die durch das "Aufeinandertreffen unterschiedlicher Sphären entstehen. So trifft internationale Kunst auf Kunst vor Ort." Dazu laden sie in einer ersten Ausstellungsserie Künstler und Künstlerinnen aus den Niederlanden ein.

"Opening expo" - Erste Vernissage im Sumpfhahn
Die Wände des Raums sind schwarz gestrichen. Mit weißer Kreide hat die holländische Künstlerin Ans van der Vleuten ihre Kollage auf die Wandflächen gezeichnet. Soldaten neben in der Sonne relaxenden Touristen.
Monoton gebrochene Geräusche
"Nicht zu viel, um die Wirkung der Zeichnungen nicht zu zerstören," wird ihre Kollage von einer Klangkollage eines befreundeten DJ aus Holland begleitet. Mehrstimmige Klänge, die in tiefe Lagen gleiten, erinnern an Sirenen, die einen Luftangriff ankündigen. Verlangsamungen der an- und abschwellenden Töne verklumpen Empfindungen zu zäh schlammiger Mühseligkeit, bis langsam - nach erneuter tonaler Dehnung, ein mehrstimmiger Schwarm von verletzten Walen, tief dunkel stöhnend auf den Meeresboden zu sinken scheint.
Übrig bleiben monoton gebrochene Geräusche, die gerastert Wunden schlagen. Mit digitaler Genauigkeit dem Takt einer Mission, dem stumpfen Wiederholungszwang verpflichtet, scheint der kalte Akt der Gewalt, in tiefliegender Ursuppe ungesteuerter menschlicher Reflexe zu ertrinken.
Der Krieger meint: im gleichen Takt werden auf der anderen Seite Babys geboren.

Interviews als Tondokumente mit der Künstlerin Ans van der Vleuten und Michael Pinter-Koschel hier

Die Posen vieler Krieger sind bekannt. Sie schauen sich ab, wie man sich zum Foto aufstellt, wenn der Feind erledigt vor den eigenen Stiefeln liegt. Genauso hat es sich auch van der Vleuten abgeschaut. Sie bezieht ihre Vorlagen von Pressefotos und aus dem Internet. Aktuelle Bezüge zum Krieg im Libanon? "Ja, auch," sagt sie, "aber Krieg ist überall."
"Zum Laufen gekommen" sei es, als sie Fotos vom Krieg in Liberia sah. "Die haben so komische Dinger angehabt, leuchtend farbige Perücken und Schutzbrillen", so van der Vleuten. Darüber verwundert begann sie vor zehn Jahren mit der Recherche über die zeitgemäßen Veränderungen von Uniformen. Bis zum ersten Weltkrieg habe sie dabei zurückgeschaut und damit sei ihr Thema entstanden, das sie bis heute künstlerisch bearbeitet. (Foto o.: Ausschnitt aus der Wandcollage. Foto r.: Künstlerin van der Fleuten)

und Fotos: Matthias von Hoff