Leben und Lieben in "Weddingville"

Für eine öffentliche Probe öffnete das "Ensemble Öffentliche Leben" seine Türen im Ballsaal Glaskasten am vergangenen Wochenende. Unter dem Arbeitstitel "Glück ist nicht immer lustig" stellte die Truppe um Regisseur Arno Kleinofen ein Fragment der neuen Produktion vor. Einen ungewöhnlichen Anfang nimmt der Abend als Regisseur Kleinofen das Publikum einen abseitigen Weg nehmen ließ und durch den Keller und die Künstlerumkleide hinter die Bühne führte... (Foto: Helga Lerch mit Kollegen im Hintergrund)
 


"Hier im Keller des Glaskasten war während der Nazizeit ein fliegendes KZ. An dieser Stelle wurden Menschen gefoltert, auch Menschen, die hier im Kiez zuhause waren," erzählt er. Eine enge Treppe führt auf die spärlich beleuchtete Bühne hinauf. Noch ist der schwarze Vorhang geschlossen. Es stehen Stühle da, auf denen bereits ein paar Schauspieler Platz genommen haben. "Nehmen auch Sie Platz," fordert der Regisseur sein verwundertes Publikum auf. Die Umkehr ist gelungen. Die Zuschauer werden Teil der Performance, kommen mitten hinein in das Leben der Menschen aus dem Kiez, hinauf auf die Bühne von "Weddingville". (Foto: Einsatz multi-medialer Präsentationsformen)

 
"Glück ist nicht immer lustig" ist der Arbeitstitel dieser Produktion, aber manchmal dann eben doch. Nun darf das Publikum hinein in die eigentliche Szene, das Bühnenbild, das im Parkett, dem Zuschauerraum aufgebaut ist. Jeder sucht sich seinen Platz, seine Perspektive.  
 

Dem ungewöhnlichen Anfang folgen in mehreren kurzen Episoden die Geschichten der Protagonisten. In aufwändiger Interview-Arbeit hat das Ensemble sie über einige Monate bei jungen und alten Leuten im Kiez gesammelt. Ob aus der Zeit, da Bolle noch Holzscheite gegen Kartoffelschalen tauschte oder aus dem hier und jetzt, da sich die Liebe der Jugend in Happy Digits messen läßt, sie wirken realistisch, manchmal traurig, hin und wieder grotesk, nie langweilig. Zitate wie "Man müßte den Satz Ich liebe Dich auf zwanzigtausendfache Weise wiederholen, bis man erschöpft umfällt." brennen sich ins Gedächtnis ein und man geht mit den Erfahrungen der Menschen mit, deren Leben hier szenisch aufgearbeitet werden. (Foto: Plakat der aktuellen Produktion) 
 

Das Publikum bleibt nachdenklich zurück. Was besonders überzeugt ist das Bühnenbild, die Erfahrung, der die Zuschauer ausgesetzt werden und der kreative Einsatz multi-medialer Mittel. Das Ensemble war in den letzten Monaten einigen Widrigkeiten ausgesetzt. Trotz erkrankter Darsteller und gestohlener Labtops hat sich die Truppe nicht den Spaß am Spielen nehmen lassen. Man darf auf die Premiere am 15. Juni an gleicher Stelle gespannt sein. (Foto: Das Ensemble um Arno Kleinofen, 2.v.li.)
Sonya Kraus, Fotos: SK