Märchen beflügeln die Seele

Ein Nachmittag im Spätwinter. In der Bibliothek der Carl-Kraemer-Schule versammeln sich allmählich ein paar Mädchen aus der 3. Klasse. Draußen schneit es wieder einmal. "Was für ein Märchen erzählst Du uns heute Frau Lemker?" ruft Semra. Tugçe möchte wissen, ob sie wieder Improvisationstheater spielen dürfen. Noch sind nicht alle da. Ungeduldig warten sie auf ihre Klassenkameradinnen. Als alle angekommen sind, machen sie es sich auf Kissen und Sofas bequem. Marion Lemker ist Märchenerzählerin. Sie sitzt der Mädchenschar nun gegenüber und erzählt mit großartigem schauspielerischen Können das Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren. Mal ist sie die arme Frau, die ihr Kind dem König überlässt. Einen Moment später schon nimmt sie die Rolle des bösen Königs ein, der mit tiefer Stimme wilde Pläne schmiedet. Die Mädchen sind gebannt. Wird der Müllerssohn, der als Glückskind geboren wurde, am Ende sein Glück finden? (Foto: Marion Lemker und ein Teil ihrer Schützlinge)
Ein Märchen über die Habgier
Hin und wieder kommen Zwischenfragen, vielleicht auch, um die Spannung ein wenig zu mildern. Gar zu real mag die Welt manchmal wirken, in die Marion Lemker die Kinder entführt. "Was ist eine Glückshaut?" "Warum ist der König so böse?" Wenn es den Erzählfluss nicht stört, geht Lemker sofort auf die Fragen ein. Manchmal weiß sie auch, dass sich Fragen beim weiteren Zuhören von selbst beantworten und winkt freundlich ab. Die Mädchen verstehen die Geste, und tatsächlich, am Ende des Märchens haben sie alle verstanden worum es ging. Ganz nebenbei haben sie sich auch sichtbar entspannt. (Foto: Valentina findet Märchen toll!)
 

Modellhafte Pädagogik
Marion Lemker greift im Bücherregal nach Grimms Märchen und zeigt den Mädchen, wo sie die Geschichte finden können. Dicht gedrängt stehen sie um Lemker, alle wollen einen Blick auf die Illustrationen werfen. Doch schon geht es weiter. In einem Kreis weckt die Theaterpädagogin mit verschiedenen Übungen die Sinne der Mädchen. Mal mit Reimen, mal mit Gestik und Mimik zum Mitmachen, zum Schluss mit einem Fantasiespiel. Jetzt dürfen sie sich in zwei Gruppen eine kleine Improvisation ausdenken. In der einen Gruppe kommt es zum Eklat. Marion Lemker bleibt ruhig und trennt die Betroffenen. Doch der Streit ist noch nicht beendet. Lemker geht noch einmal dazwischen, setzt liebevoll und bestimmt Grenzen. Der Konflikt wird so gelöst, wie es sich Eltern und Pädagogen nicht besser wünschen könnten. Gleichzeitig wird auch klar, dass eine derlei intensive Beschäftigung mit Kindern nur in kleinen Gruppen und mit viel Zeit, Liebe und Geduld möglich ist. Fremdworte im Lehrplan, der sich an Prüfungen und wissenschaftlich messbaren Ergebnissen orientiert. (Foto: Marion Lemker)


Hineinversetzen in andere
"Neben der Vertiefung sprachlicher Fähigkeiten steht die Erweiterung der sozialen Kompetenz im Vordergrund," so Marion Lemker. "Durch das Hören einer Geschichte kann man sich in andere Personen hineinversetzen und Aspekte der Welt erfahren, ohne sie selbst erlebt zu haben." Aber auch das eigene Erleben ist Gegenstand der Märchen- und Theaterarbeit. Im Improvisationsteil steht das eigene Zuhause und die Familie im Vordergrund. "Mutter arbeitet schon den ganzen Tag in der Küche, deshalb muss ich auf meine kleinen Geschwister aufpassen–" sagt Zilan in der Rolle der älteren Tochter. "Es ist ganz schön blöd, dass mir mein Taschengeld gestohlen wurde!" findet Melanie, die in die Rolle einer hintergangenen Freundin geschlüpft ist. (Foto: Improvisationstheater)
 
Märchen beflügeln die Seele. Vielleicht erden sie aber auch. 


 
Das Projekt "Geschichtenerzählen" der Carl-Kraemer-Schule mit Marion Lemker wurde von "5000xZukunft" der gefördert.

Aktion Mensch