Quartiersrat der ersten Stunde

Vinzenz Fengler lebt seit rund fünf Jahren im Soldiner Kiez. Hier engagiert er sich ehrenamtlich und arbeitet mittlerweile freiberuflich als Coach. Er berät Jugendliche im Rahmen des Projekts Visionswerkstatt, kulturwirtschaftliche Betriebe wie zum Beispiel das Prime Time Theater und führt auch Konfliktberatungen durch. Ursprünglich kommt er aus Hoyerswerda und ist ausgebildeter Elektroniker. (Foto: Quartiersratsmitglied Vinzenz Fengler)

Vinzenz, Du warst in beiden bisherigen Quartiersräten dabei und würdest auch beim nächsten Mal gerne wieder kandidieren. Was reizt Dich an der ehrenamtlichen Arbeit?
Bevor ich Anfang des Jahres 2005 in den ersten Quartiersrat gewählt wurde, war ich schon im Begleitausschuss des LOS-Programmes (Lokales Kapital für soziale Zwecke), hatte also bereits Erfahrung in Gremien gesammelt. Mich haben da natürlich die Summen gereizt, die im Quartiersrat bewegt werden: das sind schon andere Maßstäbe. Für mich war es wichtig, dass das Geld sinnvoll verteilt wird. Und dann war ich damals arbeitslos, hatte also viel Zeit. Jetzt kann ich sagen, dass mir das Engagement im Quartiersrat persönlich viel geholfen hat: Nämlich gegen den Strukturverlust anzukämpfen, den Arbeitslosigkeit nach einiger Zeit mit sich bringt. Und diese Aufgabe hat mich auch beruflich weitergebracht. Ich habe mich fast zeitgleich zum Coach ausbilden lassen. Da waren der Quartiersrat und der Begleitausschuss das beste Praktikum, das ich mir vorstellen kann.

Gab es Unterschiede zwischen den bei­den Quartiersräten 2005 und 2006?
Ja sicherlich. Beim ersten Quartiersrat im vergangenen Jahr war die Verfahrensweise lange unklar. Uns war nicht bewusst, dass unsere Entscheidungen nur einen empfehlenden Charakter haben. Es kam daraufhin zu Spannungen: mit dem Quartiersmanagement, mit dem Bezirk. Vielleicht musste das so sein, denn der Quartiersrat war ja für alle Neuland. In diesem Jahr verlief alles viel besser. Die Rahmenbedingungen waren jetzt klar, das Verfahren transparent. Und in der Regel wurden unsere Vorschläge ja auch vom Bezirk übernommen. Ein weiterer Unterschied: Im zweiten Quartiersrat haben wesentlich mehr Migranten mitgearbeitet, z.B. auch Vertreter von Moscheevereinen. Das ist gar nicht so selbstverständlich. Als vor einigen Monaten zum Beispiel eine Gruppe von Franzosen bei uns zu Besuch war, die in Lyon Quartiersarbeit machen, waren die darüber erstaunt.

Kam es auch innerhalb des Quartiersrates zu Spannungen?
Natürlich waren da nicht immer alle einer Meinung. Aber es wurde sachlich diskutiert, mit viel Kompetenz. Man hat sich gegenseitig gut zugehört. Die Arbeit war sehr effektiv, alle zogen an einem Strang und ließen sich von Argumenten überzeugen. Ich glaube auch nicht, dass "Antragslyrik" eine Rolle gespielt hat. Die Formulierungskunst der Ideengeber hatte kaum Einfluss: wichtiger war, ob das Projekt in den Kiez passt, ob es so etwas Ähnliches bereits gibt und ob es realistisch ist.

Wie groß war der Arbeitsaufwand?
Ach, der hielt sich in Grenzen. Wenn Du beruflich viel um die Ohren hast, sind vier, fünf Abende natürlich schon eine Belastung, auch weil Du dich natürlich vorbereiten musst. Aber im Gegenzug haben wir alle ja auch viel gelernt und persönliche Kontakte aufgebaut. Jetzt grüßen wir uns und reden ein paar Takte miteinander, wenn wir uns treffen.

Die Quartiersräte entscheiden ja über Projekte, die teilweise erst viel später beginnen und bis zu drei Jahre lang laufen können. Fehlt es da nicht an einer Erfolgskontrolle?
Im Vergabebeirat für das LOS-Programm war das natürlich viel einfacher möglich. Die Projekte laufen hier ja nur einige Monate lang, maximal ein halbes Jahr. Wir haben sie kurz vor Abschluss immer noch einmal besucht. So etwas ist beim Quartiersrat nur mit einem sehr hohen persönlichen Aufwand möglich. Aber der hat auch deutlich mehr Mitglie­der, und es gibt ja auch noch das Quartiersmanagement, das über die Umsetzung der Projekte berichten muss. Ich glaube nicht, dass man sich da durchschummeln kann. Ich finde es aber gut, dass in diesem Jahr anlässlich der Neuwahl des Quartiersrates auch ein öffentlicher Workshop stattfindet, wo die Erfahrungen aus bereits geförderten Projekten eingebracht werden können.

Hast Du eigentlich einen Überblick darüber, wie es in anderen Quartiersmanagementgebieten läuft?
Man bekommt so einiges mit. Ich bin zum Beispiel auch Projektberater im LOS-Programm in ei­em anderen Quartier im Bezirk Mitte. Und über das Austauschprogramm mit Lyon haben wir auch Kontakte nach Kreuzberg und Friedrichshain geknüpft. In puncto Bürgerbeteiligung kann sich der Soldiner Kiez sehen lassen. Da brauchen wir uns nicht zu verstecken.

CS, Foto: privat