Soldin ist in Polen I

"Raus aus den Federn - wir fahren nach Mysliborz" - das war am 2. Oktober das Motto vom Veranstalter, dem Soldiner Kiez e.V., aus dem Berliner Wedding. Früh aus den Federn mussten wir wirklich, die 40 Reiseteil-nehmer aus dem Soldiner Kiez und der Soldiner Straße in Berlin-Lichtenrade, die gebürtigen Soldiner und in Bombennächten des 2. Weltkrieges nach Soldin evakuierte Berliner. Bereits um 8 Uhr rollte unser Freundschaftsbus über die östliche Berliner Stadtgrenze.
Stadtgeschichte
Am Ziel angekommen vermittelten Beata und Marek vom Heimatverein Mysliborz interessante und sehenswerte Einblicke in die Architektur und Geschichte der alten preußischen und später deutschen Stadt Soldin. Eine alte Soldinerin stellte traurig fest, dass die schöne, alte Kirche am Marktplatz, einst evangelisch, heute katholisch sei. Das stimme, wusste Marek zu erläutern, doch Jahrhunderte zuvor war sie schon einmal katholisch, daher gebe es kein Inventar, welches das Alter dieser Gemäuer überdauert habe. Nach dem Mittagessen im Hotel Piast folgte der eindrucksvollste und unvergesslichste Teil dieser Tagesreise.


Stilles Gedenken
Wir fuhren an den Stadtrand. Neben gut bestellten Feldern stand ein großer Grabstein auf einem kleinen Hügel, umrankt von 120 kleinen, schwarzen, Metallblättchen. Daneben ein junges Mädchen, in der Kleidung polnischer Pfadfinder.
 
120 Metallblättchen
Nachdem ein sowjetischer Offizier der sowjetischen Besatzungsarmee bei der Befreiung Soldins von Hitlers Wehrmachtstruppen umgekommen war, mussten hier hunderte Deutsche, Einwohner von Soldin, dafür büßen: mit Gewalt, Folter, Vergewaltigung - und mit dem Leben, bis die vorgegebene Anzahl von 120 toten Deutschen – genau die Anzahl der Metallblättchen am Stein - erreicht worden war.

Beim Sterben zusehen
"Mein Bruder hat Glück gehabt, er war geduldig, versuchte nicht zu fliehen und hat das Massaker überlebt", sagte eine Berliner Seniorin. Dem Mann neben ihr, damals aus Berlin nach Soldin evakuiert, standen Tränen in den Augen. "Hier habe ich meine Freunde sterben sehen, sie kamen nicht mehr raus, aus diesem Kessel, und ich musste hilflos zusehen." Fassungsloses Entsetzen huscht über das Gesicht der jungen Pfadfinderin.

Blumen niedergelegt
Der Mann legte ein Blumengebinde für den Soldiner Kiez e.V. nieder, unsere beiden Reiseleiter verbeugen sich tief. Alle Reiseteilnehmer erstarrten - Totenstille, nicht einmal die Blättchen am Stein konnten rauschen, im milden Herbstwind. Nach dem stillen Gedenken sagte eine Frau leise: "Jetzt habe ich es das erste Mal gesehen, seit der Vertreibung - mein Geburtshaus. Und trotzdem habe ich es gleich gefunden."

Zwei weitere eindrucksvolle Gedenkminuten folgen auf dem katholischen Stadtfriedhof: für die Opfer des deutschen Nationalsozialismus/ und für polnische Kriegsopfer, die in das ferne Sibirien deputiert wurden und dort ihr Leben lassen mussten. Sie bekamen ihre neue Heimat - Mysliborz - nie zu sehen.

Zum zweiten Teil des Reiseberichts geht es hier

Andreas Schoan, Sebastian Behrendt Fotos: Kerstin Keie