Straßenkriminalität rückläufig

Der Wedding hat eine neue Grusel-Ecke. Wann immer in den Medien die Rede auf Kriminalität und Kiez kommt fällt der Name Soldiner Kiez. Berichtet wird dann immer über die selben arabischen Jugendlichen und die selbe Straftat: den Wurf einer angespitzten Eisenstange durch die Scheibe eines Polizeiautos im vergangenen November, der einen Polizisten lebensgefährlich verletzte. Und dann folgt immer wieder in etwa der selbe Satz: "Der Soldiner Kiez ist eine der Gegenden, in die die meisten Polizisten nur dann fahren, wenn sie gerufen werden." (hier: Berliner Zeitung 13.01.04).
 
"Das ist Unsinn" meint dazu der Leiter der für den Soldiner Kiez zuständigen Abschnitts 36 der Berliner Polizei, Christoph Lipp. "Natürlich sind wir im Soldiner Kiez präsent, genauso wie woanders im Wedding auch." Und von der Kriminalitätsbelastung her hebe sich der Kiez innerhalb des Weddings auch nicht besonders hervor. "Wir beobachten im gesamten Bereich unseres Abschnittes, also im östlichen Wedding, eine zunehmende Bereitschaft zur Gewalt, etwa bei Körperverletzungen oder bei Widerstand gegen Polizeibeamte, aber ich kann nicht sagen, dass der Soldiner Kiez dabei besonders herausragt." In der Mitte der 90er Jahre sei das noch anders gewesen. Vor allem im Bereich der oberen Koloniestraße sei eine deutliche Häufung von Delikten zu verzeichnen gewesen. Seit die Flüchtlingsunterkünfte in dieser Gegend jedoch geschlossen sind, habe sich die Lage hier wieder normalisiert. "Das ist nicht mehr der Ausreißer wie früher".

Deutlich zurückgegangen sei dagegen die Straßenkriminalität im Bereich Soldiner- / Koloniestraße, also von Delikten wie Einbruch, Diebstahl, Autoaufbruch, Raub etc. In der Mitte der 90er Jahre hatte sie hier ihren Höhepunkt erreicht, seitdem sei sie kontinuierlich zurückgegangen, bis heute immerhin um rund 40 %. Ein dickes Lob hört man bei dieser Gelegenheit auch für das Quartiersmanagement: "Der Kiez ist sehr viel sauberer und heller geworden, das ganze Straßenbild hat sich positiv gewandelt. Das wirkt sich auch auf die Straßenkriminalität aus." So werde auch das Sicherheitsempfinden der Anwohner gestärkt.

Auch mit Begriffen wie "Parallelgesellschaft" mag sich Christoph Lipp nicht anfreunden. "Auch in Bayern holt nicht jeder bei einem Streit gleich die Polizei" meint der unüberhörbar süddeutsche Beamte "Herrscht deshalb in Bayern eine Parallelgesellschaft?". Die Polizei sei auch im Soldiner Kiez akzeptiert. Probleme gebe es hier vor allem bei Jugendlichen. "Das ist aber auch nichts Außergewöhnliches und den Kriminologen als Phänomen gut bekannt."
 
Bei den Erwachsenen sei die Polizei weithin akzeptiert. Zu vermerken sei sogar, dass in letzter Zeit zunehmend auch nichtdeutsche Frauen bei Fällen von häuslicher Gewalt die Polizei arlamierten. Das hebt zwar die Anzahl der Gewaltdelikte in der Statistik an, ist aber eher ein positives Zeichen für ein stärkeres Selbstbewusstsein vieler Frauen. Und bei den Jugendlichen sei die Situation in den 90er Jahren schlimmer gewesen. Organisierte Jugendgangs wie damals gebe es heute nicht mehr. So sei auch der Soldiner Kiez kein Schwerpunkt beim Drogenhandel, wie es immer wieder in den Medien kolportiert wird. "Der spielt sich vor allem um die S- und U-Bahnhöfen herum ab."
 
Natürlich lässt es sich nicht in Abrede stellen, dass in einem Quartier mit solchen sozialen Problemen wie dem Soldiner Kiez auch eine hohe Kriminalitätsbelastung gibt. Das tut auch Christoph Lipp nicht. "Der Wedding ist eben nicht Zehlendorf und war schon immer ein eher problematisches Gebiet. Wir kümmern uns aber darum und haben die Situation durchaus unter Kontrolle. " Vergleiche mit den "No-Go-Areas" diverser US-amerikanischer Innenstadtgebiete hält der Abschnittsleiter deshalb auch für abwegig. "Wer so etwas behauptet, verkennt die Realität."
 
Der Wurf mit der Eisenstange wurde übrigens aufgeklärt. Schon eine Woche nach der Tat wurden die mutmaßlichen Täter festgenommen. Ein 18-jähriger gestand: Er hatte die Stange – die Querstange eines alten Sessels - aus einer leerstehenden Wohnung auf das Polizeiauto geschleudert. Der nur knapp neben der Halsschlagader getroffene Polizeibeamte ist inzwischen wieder im Dienst.
Christof Schaffelder