Verbrecherjagd
Tina Veihelmann ist für 10 Monate Kiezschreiberin im Soldiner Kiez. Um am Leben im Kiez hautnah teilzunehmen, ist sie in der Wriezener Straße 13 gezogen. Die Wohnung hat die DEGEWO freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt. Das Projekt wird über das Bund-Länder-Programm Soziale Stadt gefördert. Die Kiezschreiberin veröffentlicht ihre Eindrücke in loser Folge auf www.deinkiez.de, wo die Artikel über das rote Kuh-Logo leicht erkennbar sind. Den Text "Verbrecherjagd" können Sie auch im Wedding-Programmheft KulTourPlan nachlesen.
Verbrecherjagd
"Kiezschreiberin bist du - weil das eine so berüchtigte Gegend sein soll?", fragt mich Roland, ein guter Freund, der zu Besuch gekommen ist. "Und wo sind die Verbrecher?" Wir gehen gemächlich – über die Soldiner, die Drontheimer, die Koloniestraße. Es ist heiß. Männer und Frauen sitzen in der Sonne – vor Vereinslokalen, die so träge wirken, als sei die Zeit vor ihren Türschwellen stehen geblieben. Vor Dönerläden, deren Werbungen mit verblichenen filzstiftbeschrifteten Preisschildchen ausgezeichnet sind. Hin und wieder braust ein Auto vorbei. Dann kehrt wieder Ruhe ein. Ein kleiner Junge stoppt höflich seinen Fußball, als eine ältere, verschleierte Dame vorüber geht. "Dies ist so verrucht wie Bad Homburg bei Frankfurt am Main, wo ich groß geworden bin", sagt Roland zu mir. Er hat mich immer besucht. Überall, wo ich mein Quartier aufgeschlagen hatte. In Berlin Mitte, Kreuzberg, Friedrichshain, Hohenschönhausen, Lichtenberg.
Wir stadtwandern gemeinsam, wann immer er in die Stadt kommt. Von Café zu Café, von Eckkneipe zu Eckkneipe oder von Friedhof zu Friedhof. Diesmal sind wir ziellos unterwegs. Schlendern. Den Kiez erkunden, in dem ich in der nächsten Zeit leben und schreiben soll. "Fällt dir nichts auf? Gar nichts?", frage ich ihn. Fast bittend. "Doch, mir fällt auf, dass der Döner einen Euro kostet, die Leute nett sind und mir niemand abschätzige Blicke zuwirft." Roland sieht heute unmöglich aus. Er trägt helle Caprihosen, die einer eigentümlichen Mode entsprechen. Kaum zu sagen, ob sie im letzten Jahr, im vorletzten oder überhaupt je modern gewesen sind. Sie sind ein Geschenk seiner Mutter, das er ihr nicht ausreden konnte. Und irgendwann, erklärt er mir, muss man sie ja nutzen. Schließlich haben sie Geld gekostet. Mitunter denke ich, steckt auch in uns noch die Nachkriegsmentalität unserer Eltern – auch wenn H&M und die Lifestylewelt noch so sehr dagegen anballern.
"Auftragen" nannte das meine Mutter, wenn ich die geerbten Schlaghosen meines Bruders so lange anziehen sollte, bis ein Loch im Stoff war. Ich hasste "Auftragen" und ließ mich mitunter absichtlich auf den Asphalt fallen, damit die Hose am Knie aufreißen sollte. Wenn ich heute so eine schlimme alte Hose in der Hand halte, im Begriff, sie in den Altkleidersack zu stecken, schlummern zwei Seelen in meiner Brust. Die eine sagt: Wirf sie weg. Du magst sie doch nicht mehr anziehen. Die andere sagt: In diesem Kleidungsstück sind wertvolle Rohstoffe verwebt. Und außerdem hast du einmal gutes Geld dafür bezahlt. Am Ende trage ich die Hosen im Haus – und hoffe, dass niemand zu Besuch kommt.
Roland ist cooler als ich. Er trägt seine schlimmen Hosen auf der Straße "auf". Er würde sie jederzeit auch auf dem Kudamm tragen. Er würde die scheelen Blicke der Leute registrieren – und sich einen Kehricht darum scheren. Noch immer weiß ich nicht, ob ich diese Haltung bewundern soll – oder ob es Roland an Sinn für Lifestyle fehlt.
Wir setzen uns auf eine Bank, nahe einem kleinen Spielplatz, um ein paar Weinblätter zu essen, die ich unterwegs gekauft habe. Neben uns lagern drei braungebrannte Männer und drei ebenso sonnenverwöhnte Frauen. Ein Baum spendet Schatten. Einer der Herren hat einen großen Teddybär auf dem Schoß. Mamas und Papas sind hier gemeinsam auf Spielplätzen anzutreffen. Gezählte Verbrechen in den letzen zwei Stunden: vier. Drei Mal illegales Grillen in Gärten. Einmal Überqueren einer Fahrbahn bei Rot. Wir sind entspannt, ein wenig gelangweilt vielleicht. Angenehm gelangweilt. Mehr nicht. "Man müsste Sonnenblumenkerne haben", sagt Roland, "die man mit den Zähnen knacken und die Hülsen in den Sand spucken kann". Er hat Recht. Das wäre genau das Richtige, für einen heißen Sommertag im Soldiner Kiez. Es tut mir leid, dass ich ihm nicht mehr bieten konnte, hinsichtlich Ruch und dem Gefühl von Gefahr. Aber Roland sagt: "Die sind schon in Ordnung, die Leute hier. Ich glaube, was man ihnen in Wirklichkeit übel nimmt, ist, dass sie ihre Hosen 'auftragen'. So wie ich." Wir brechen auf. Einen Laden suchen, der Sonnenblumenkerne verkauft.
"Kiezschreiberin bist du - weil das eine so berüchtigte Gegend sein soll?", fragt mich Roland, ein guter Freund, der zu Besuch gekommen ist. "Und wo sind die Verbrecher?" Wir gehen gemächlich – über die Soldiner, die Drontheimer, die Koloniestraße. Es ist heiß. Männer und Frauen sitzen in der Sonne – vor Vereinslokalen, die so träge wirken, als sei die Zeit vor ihren Türschwellen stehen geblieben. Vor Dönerläden, deren Werbungen mit verblichenen filzstiftbeschrifteten Preisschildchen ausgezeichnet sind. Hin und wieder braust ein Auto vorbei. Dann kehrt wieder Ruhe ein. Ein kleiner Junge stoppt höflich seinen Fußball, als eine ältere, verschleierte Dame vorüber geht. "Dies ist so verrucht wie Bad Homburg bei Frankfurt am Main, wo ich groß geworden bin", sagt Roland zu mir. Er hat mich immer besucht. Überall, wo ich mein Quartier aufgeschlagen hatte. In Berlin Mitte, Kreuzberg, Friedrichshain, Hohenschönhausen, Lichtenberg.
Wir stadtwandern gemeinsam, wann immer er in die Stadt kommt. Von Café zu Café, von Eckkneipe zu Eckkneipe oder von Friedhof zu Friedhof. Diesmal sind wir ziellos unterwegs. Schlendern. Den Kiez erkunden, in dem ich in der nächsten Zeit leben und schreiben soll. "Fällt dir nichts auf? Gar nichts?", frage ich ihn. Fast bittend. "Doch, mir fällt auf, dass der Döner einen Euro kostet, die Leute nett sind und mir niemand abschätzige Blicke zuwirft." Roland sieht heute unmöglich aus. Er trägt helle Caprihosen, die einer eigentümlichen Mode entsprechen. Kaum zu sagen, ob sie im letzten Jahr, im vorletzten oder überhaupt je modern gewesen sind. Sie sind ein Geschenk seiner Mutter, das er ihr nicht ausreden konnte. Und irgendwann, erklärt er mir, muss man sie ja nutzen. Schließlich haben sie Geld gekostet. Mitunter denke ich, steckt auch in uns noch die Nachkriegsmentalität unserer Eltern – auch wenn H&M und die Lifestylewelt noch so sehr dagegen anballern.
"Auftragen" nannte das meine Mutter, wenn ich die geerbten Schlaghosen meines Bruders so lange anziehen sollte, bis ein Loch im Stoff war. Ich hasste "Auftragen" und ließ mich mitunter absichtlich auf den Asphalt fallen, damit die Hose am Knie aufreißen sollte. Wenn ich heute so eine schlimme alte Hose in der Hand halte, im Begriff, sie in den Altkleidersack zu stecken, schlummern zwei Seelen in meiner Brust. Die eine sagt: Wirf sie weg. Du magst sie doch nicht mehr anziehen. Die andere sagt: In diesem Kleidungsstück sind wertvolle Rohstoffe verwebt. Und außerdem hast du einmal gutes Geld dafür bezahlt. Am Ende trage ich die Hosen im Haus – und hoffe, dass niemand zu Besuch kommt.
Roland ist cooler als ich. Er trägt seine schlimmen Hosen auf der Straße "auf". Er würde sie jederzeit auch auf dem Kudamm tragen. Er würde die scheelen Blicke der Leute registrieren – und sich einen Kehricht darum scheren. Noch immer weiß ich nicht, ob ich diese Haltung bewundern soll – oder ob es Roland an Sinn für Lifestyle fehlt.
Wir setzen uns auf eine Bank, nahe einem kleinen Spielplatz, um ein paar Weinblätter zu essen, die ich unterwegs gekauft habe. Neben uns lagern drei braungebrannte Männer und drei ebenso sonnenverwöhnte Frauen. Ein Baum spendet Schatten. Einer der Herren hat einen großen Teddybär auf dem Schoß. Mamas und Papas sind hier gemeinsam auf Spielplätzen anzutreffen. Gezählte Verbrechen in den letzen zwei Stunden: vier. Drei Mal illegales Grillen in Gärten. Einmal Überqueren einer Fahrbahn bei Rot. Wir sind entspannt, ein wenig gelangweilt vielleicht. Angenehm gelangweilt. Mehr nicht. "Man müsste Sonnenblumenkerne haben", sagt Roland, "die man mit den Zähnen knacken und die Hülsen in den Sand spucken kann". Er hat Recht. Das wäre genau das Richtige, für einen heißen Sommertag im Soldiner Kiez. Es tut mir leid, dass ich ihm nicht mehr bieten konnte, hinsichtlich Ruch und dem Gefühl von Gefahr. Aber Roland sagt: "Die sind schon in Ordnung, die Leute hier. Ich glaube, was man ihnen in Wirklichkeit übel nimmt, ist, dass sie ihre Hosen 'auftragen'. So wie ich." Wir brechen auf. Einen Laden suchen, der Sonnenblumenkerne verkauft.






